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aus der Mitgliederzeitung ver.di PUBLIK

Das Gefühl Streik

Die Tarifverhandlungen in den ver.di-Branchen dauern an. Warnstreiks und Streiks auch. Ein Ritual meinen viele, „angestaubt“. Für viele der beteiligten Arbeiter und Angestellten sind es dagegen die ersten Streiks, denen sie sich anschließen, und ganz neue Erfahrungen.

von Eberhard Schade

Jürgen Braun hält Distanz. In sicherem Abstand macht der blasse Mann im grauen Flanell einen Bogen um seine Angestellten. In einer halben Stunde will
der Personalleiter die Karstadt-Filiale in der Mainzer Fußgängerzone öffnen. Komme, was wolle. Es ist 8.30 Uhr, ein strahlender Frühjahrstag. Immer mehr Männer und Frauen machen halt vor der Tür, durch die sie jeden Tag gehen. Die Treppe runter in die Katakomben des Kaufhauses, vorbei an dem Blechschild
im Neonlicht: „Karstadt begrüßt seine Mitarbeiter.“
 
Tapeziertisch, Klappstuhl, Sonnenschirm. Am Laternenpfeiler lehnt ein
feuerrotes
Plakat.


Darauf steht:
"Heute: Streik!"
 
 

Rund 30 Angestellte haben sich draußen eingerichtet. Tapeziertisch, Klappstuhl, Sonnenschirm. Am Laternenpfeiler lehnt ein feuerrotes Plakat. Darauf steht: „Heute: Streik!“ Das Ritual ist bekannt. Die Betriebsratsleute tragen weiße Plastikwesten mit aufgedrucktem ver.di-Logo. Es gibt frisch belegte Brötchen und schwarzen Kaffee. Für Trillerpfeifen und Rasseln ist es noch zu früh.
„Solidarisiere, mitmaschiere“, dröhnt es in breitem pfälzischen Dialekt aus dem Megafon. ver.di-Gewerkschaftssekretär Peter Balluf klopft locker Sprüche. Der Zweimeter-Mann hat Streikroutine. Gegen ihn wirken viele Angestellte nervös, angespannt. Sicher fühlen sie sich jetzt in kleinen Gruppen. Viele Frauen sind dabei, ihren Namen möchten sie nicht sagen. Viele rauchen.

Keine der Kolleginnen hat vorher gestreikt. Jetzt sind alle draußen

An der Schwelle zum Personaleingang steht ein junger Mann, Andreas S.. Im September bekommt der 21-Jährige einen Ausbildungsplatz im Haus. Vom Streik weiß er seit gestern. Seitdem überlegt er, ob auch er draußen bleiben soll. Minutenlang steht Andreas ganz allein da. Kein Mensch würde es merken, wenn er jetzt die Tür öffnen, in den Katakomben verschwinden würde, um seinem Job nachzugehen. Doch irgendetwas hält ihn. Er kämpft mit sich, das verrät schon seine Körpersprache. Er hält die Arme eng vor seinem Körper verschränkt, als würde er frieren an diesem warmen Frühjahrstag. – Passieren kann ihm nichts. Das hat ihm der Betriebsrat versichert. Immer wieder. Dennoch bleibt dieses Gefühl, vielleicht etwas Verbotenes zu tun.
1,7 Prozent mehr Lohn und Gehalt für zwölf Monate. Das letzte Angebot der Arbeitgeber in den meisten Tarifgebieten für den Einzelhandel empfinden die Beschäftigten hier als Provokation. „Die Arbeitgeber bieten den Einzelhandelsbeschäftigten gerade einmal die Hälfte der Tarifanhebung von Metall, Chemie oder der Papier verarbeitenden Industrie“, sagt ein ver.di-Verhandlungsführer in Nordrhein-Westfalen. „Das ist ein Skandal, dagegen werden wir uns massiv zur Wehr setzen.“ Anfang Juni kommt es zu den ersten Streiks.
Und beim Karstadt-Konzern gab es für die Beschäftigten noch eine Ohrfeige gratis: Im April beschloss der Vorstand, freiwillige Sozialleistungen im Umfang von 60 Millionen Euro zu streichen. Das bedeutet für jeden Beschäftigten einen Verlust von 1000 Euro im Jahr.

Unter den Streikenden sein - es ist ein leiser Triumph
 


KARSTADT: ver.di-Aktive in München
planen den Streik, die Mainzer Filiale
wurde am 22. Mai bestreikt.
Fotos: Christian Lehsten/Argum,
Katrin Denkewitz/Laif

 
„Was muss man euch noch antun, damit ihr euch endlich wehrt?“, hat Sibylle Lepert ihre fünf Mitarbeiterinnen in der Karstadt-Miederwarenabteilung immer wieder gefragt. Irgendwie spürte die Betriebsrätin, in diesem Jahr geht was. Keine ihrer Kolleginnen hat vorher jemals gestreikt. Heute sind alle draußen. Die eine, weil sie gerade ein Haus baut. Die andere, weil sie elffache Oma ist. „Ohne Treueprämien und Weihnachtsgeld kommen die nicht über die Runden“, sagt Sibylle Lepert.
Jetzt ist es kurz vor neun, Andreas geht in Richtung Tapeziertisch. Langsam, aber er geht. Er nimmt sich einen gelben Mitgliedsantrag, füllt ihn aus, kassiert zehn Euro Streikgeld. „Ich habe einfach gespürt, dass das die richtige Entscheidung ist“, sagt er.

70 seiner Kollegen denken genauso. Ganz normal arbeiten gegangen sind heute höchstens zehn. Mit ihnen allein kann Personalleiter Braun das Haus vorerst nicht öffnen. „Karstadt Mainz geschlosse“, schmettert Peter Balluf durchs Megafon. Die Erleichterung ist spürbar. Jetzt wird gerasselt, getrillert, viel weniger geraucht. Auch Andreas steht jetzt nicht mehr allein. Sondern mittendrin. Unter allen. Er triumphiert leise. Und lächelt, zum ersten Mal an diesem Morgen.
 
 
Bis Ende Mai beteiligten sich bundesweit in den ver.di-Branchen Druck und Papier, im Einzel- und im Großhandel über 28000 Frauen und Männer an Warnstreiks und Streiks. Auch bei der Deutschen Post laufen seit Anfang Juni bundesweite Warnstreiks. Auch hier fordert ver.di 6,5 Prozent mehr Lohn. Noch vor ein paar Wochen hätte mit diesen Zahlen niemand gerechnet. Wirtschaftsweise mahnten, Zentralbanker drohten, die SPD fürchtete um die Konjunktur und damit um ihre Wiederwahl im September. Selten schien die Stimmung in Deutschland so einmütig gegen Streik. Schaukampf, Warnstreik, Streik, zum Schluss dann doch der Kompromiss - das ewig gleiche Ritual bekam das Etikett „überholt“ und „altmodisch“ verpasst. Doch steckt dahinter mehr. Zumindest mehr als nur die nackte Forderung nach 6,5 Prozent mehr Lohn.
 
 
  Bei den Druckern wird beim Bier im Streiklokal geredet
 
 
 
„Es geht mir nicht um elf oder zwölf Euro mehr im Portmonnee am Monatsende“, sagt Lothar Moses, Fachhilfsarbeiter im Tiefdruck. Mit 3,4 Prozent mehr Lohn wird Ende Mai im Bereich Druck und Papier abgeschlossen, allerdings auch erst nach bundesweiten Warnstreiks. Beispielsweise beim Axel Springer Verlag in Ahrensburg bei Hamburg.
Und wenn Drucker streiken, sieht das anders aus als bei Verkäuferinnen. Breitbeinig stehen da 70 Männer vor dem Werkstor, jeder einzelne Kollege wird per Handschlag begrüßt. Diskutiert wird nicht bei belegten Brötchen und Kaffee aus der Thermoskanne, sondern beim Bier im Streiklokal.

AXEL SPRINGER VERLAG:
Die Tiefdrucker in Ahrensburg
sind gut organisiert. Früher in
der IG MEDIEN, heute bei ver.di.
Fotos: Michael Meyborg
Für Streikbrecher hat Moses kein Verständnis. „Man erkennt seine Schweine am Gang“, erklärt er. Doch lange dauert es nicht, dann drischt der 43-Jährige keine Parolen mehr, sondern erzählt, was ihn wirklich bewegt. „Früher wurde es honoriert, wenn man Leistung brachte“, sagt er. Doch seit ein paar Jahren wird nur noch rationalisiert. Als er anfing, standen sechs Männer an der Rotation. Heute sind es noch zwei. „Und ständig wird dir das Gefühl gegeben, dass auch du noch ersetzbar bist.“
Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht im ständigen Wechsel. Am Monatsende kriegt Moses 1800 Euro raus, 1000 Euro gehen sofort weg für sein Haus. Dann sind da noch zwei Kinder, 13 und 15 Jahre alt. „Ohne Aldi geht es bei uns nicht“, sagt er leise. Zuschüsse vom Amt beantragen? Nein, das will er nicht. Dazu ist der Arbeiter zu stolz. Da kämpft er lieber, streikt. Auch wenn jedes Mal die Angst mitspielt, dass er seinen Job verliert.
 
 
 

IKEA MÜNCHEN:
Vor der Arbeitskampfabstimmung
steht intensive Überzeugungsarbeit,
auch an einer Pinnwand.
Fotos: Christian Lehsten/Argum
800 Kilometer weiter südlich. Arbeitskampfabstimmung bei Ikea in Eching bei München. Auf bunten Kärtchen hat Betriebsratsvorsitzender Thomas Ossowicki seine Argumente an eine Pinnwand geheftet. Auf einem Kärtchen steht, wie viel eine ungelernte Verkäuferin bei Ikea verdient: 1222 Euro. Brutto. Direkt daneben der Quadratmeterpreis für eine Mietwohnung: 11 Euro. „Von einem Ikea-Gehalt allein kann man in München nicht leben“, sagt Betriebsrätin Charlotte Voss. Voss ist 60 Jahre alt, seit 17 Jahren bei Ikea. Von ihrem Monatsgehalt bleiben nach Miete und Abzügen 65 Euro - zum Leben. Sie weiß von vielen Kolleginnen,  die abends putzen oder kellnern gehen, oder nach Feierabend noch bei der Speditionsfirma gegenüber im Lager aushelfen.
„Jüngere Kollegen, die heute eine Familie gründen wollen, haben kaum noch eine Chance“, sagt
Irene K. Sie ist Kassiererin. Irgendetwas läuft schief in Deutschland, findet sie. Mit Gewerkschaften hatte die 55-Jährige bisher nie etwas am Hut. „Weil es mir immer besser ging“, sagt sie. Heute aber hat auch sie für einen Arbeitskampf gestimmt.
Bevor sie im Personaltrakt verschwindet, steckt sie noch einmal ihren Kopf aus der Tür. Eine Sache möchte sie noch loswerden. Einen Satz, den Andreas, der 21-jährige Azubi bei Karstadt in Mainz, und Lothar Moses, der 43-jährige Tiefdrucker aus Ahrensburg, genauso sagen. „Wenn wir jetzt nicht zeigen, dass wir nicht alles mit uns machen lassen, wann dann?!“
 
 
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