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Warten in einem deutschen Sozialamt.
(aus Publick April/2002)
 

 

Foto: Igor Gorovenko     

 
 

Reformpolitik pervers

Ab auf die soziale Rutschbahn
Die Bundesregierung plant die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe:
Vom Arbeits- direkt ins Sozialamt.

von Gabriela Simon

Florian Gerster will den großen Wurf. Er will das "wirklich große Rad" in der Arbeitsmarktpolitik drehen. Das werde, verriet der frisch gebackene Chef der Bundesanstalt für Arbeit vor wenigen Tagen, erst nach den Bundestagswahlen im September möglich sein. Aber bis dahin will er das geistige Klima für den Angriff auf eine tragende Säule der sozialen Sicherung in der Bundesrepublik vorbereiten: den verlässlichen Versicherungsschutz der Beschäftigten bei Arbeitslosigkeit.

Gerster will eine direkte Rutschbahn in die Sozialhilfe installieren: Unmittelbar nach Eintritt der Arbeitslosigkeit, schlägt er vor, soll das Arbeitslosengeld auf 80 Prozent des letzten Nettolohns angehoben werden, aber danach Zug um Zug bis aufs Sozialhilfeniveau abgesenkt werden. Durch das "degressiv" gestaltete Arbeitslosengeld soll der Druck auf die Arbeitslosen zur aktiven Arbeitssuche verstärkt werden. Vor allem Frauen, ältere Arbeitnehmer und Geringqualifizierte sollen dazu gebracht werden, niedrig entlohnte Mc-Jobs anzunehmen.

Die Arbeitslosenhilfe kommt in diesem Szenario überhaupt nicht mehr vor. Denn die steht schon seit längerem auf der Abschussliste von Bundeskanzler Schröder. Auch die von Schröder berufene Reformkommission für die Bundesanstalt für Arbeit soll, so heißt es, "Organisationsmodelle" für eine "Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe" erarbeiten. Die von VW-Vorstand Peter Hartz geleitete, mehrheitlich aus Unternehmensführern und Wirtschaftsexperten zusammengesetzte Kommission soll ihre Konzepte bis Mitte August vorlegen.

Bis Ende 2004 will die Regierung ihre "Reformen" abgeschlossen haben. Allein diese Terminvorgabe macht deutlich, dass Kanzler Schröder die faktische Abschaffung des Versicherungsanspruchs auf Arbeitslosenhilfe an den zuständigen Sozialpolitikern des Arbeitsministeriums (BMA) vorbei durchziehen will. Das BMA lässt nämlich zur Zeit in einem Modellvorhaben namens MoZArt (Modellprojekt zur Zusammenarbeit von Arbeitsämtern und Trägern der Sozialhilfe) neue Wege der Kooperation zwischen Arbeits- und Sozialämtern erproben. Das Programm läuft bis Ende 2004. Erst dann sollte über Reformen entschieden werden.

Von einer Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe war dabei bislang keine Rede. Noch Ende Januar hat ein BMA-Sprecher entsprechende Zeitungsberichte als "Blödsinn" von sich gewiesen. Ein paar Tage später, am 4. Februar, verkündete Schröder vor Unternehmern auf einem Kongress der Deutschen Industrie- und Handelskammer, die "Zusammenlegung der Arbeitslosenhilfe auf der einen Seite und der Sozialhilfe auf der anderen Seite" werde "eine der zentralen Aufgaben der nächsten Legislaturperiode" sein. Sie würde mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Niveau der heutigen Sozialhilfe erfolgen.

ver.di-Vorstandsmitglied Isolde Kunkel-Weber, eine von zwei Gewerkschaftsvertreterinnen und einzige Frau in der Reformkommission, will sich auf keinen Fall für dieses Ziel einspannen lassen. "Die Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe ist für mich tabu", sagte sie gegenüber ver.di PUBLIK. Da sei kein Konsens möglich. Arbeitslosenverbände befürchten massive Verschlechterungen. Es gehe nicht um die Schaffung von Arbeitsplätzen, sagt Jörg Meyer von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen, sondern um weitere Umverteilung von unten nach oben. Die geplante Reform bedeute für viele Menschen "den freien Fall nach unten, in die Sozialhilfe". So weit wollen es die Arbeitsloseninitiativen nicht kommen lassen. Am 7. Juni wollen sie die Tradition dezentraler Aktionen anlässlich der Bekanntgabe der monatlichen Arbeitslosenzahlen wiederbeleben.

 
 
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