| |
Betriebsversammlungen,
Bauchschmerzen und Antriebskräfte
Der gewerkschaftlich parteiische Kommentar
Die wirtschaftliche Lage und
die konjunkturellen Aussichten in Deutschland sind durch
Unsicherheit und schlechte Stimmung unter den Unternehmen und
Verbrauchern gekennzeichnet. Die Lage am Arbeitsmarkt wird
sich noch einmal verschärfen.
Das Meinungsforschungsinstitut
Allensbach stellt seit 1949 die Frage: Sehen Sie dem neuen Jahr mit
Hoffnung oder mit Befürchtungen entgegen?". Noch nie haben so viele
(2/3) mit Befürchtungen" geantwortet.
-
In besonderer Weise ist unsere
Branche, der Einzelhandel, von dieser Lage faktisch fehlender
Wirtschaftskraft sowie emotionaler Sorgen der Bürger und Konsumenten betroffen.
-
30.000 Beschäftigte des
Einzelhandels verloren 2002 ihre Arbeit.
-
Die Betroffenheit ist nicht
überall gleich, . . . sie unterscheidet sich
besonders zwischen den Interessen der Arbeitshabenden zum Nachteil
der Arbeitssuchenden.
-
Erfreulicher ist, dass es
gelingen wird, das sehr unbefriedigende Ergebnis des Vorjahres zu
verbessern und dies gelang in bester Tradition eines verantwortlich geführten
Familienunternehmens, nicht durch Abbau von Arbeitsplätzen!
-
Wir werden uns dieser
Diskussion, dass es jetzt an der Zeit ist, mehr Geld zu verteilen, so nicht
stellen! Erst muss ver.di bereit sein, selbst Verantwortung für
Arbeitsplatzsicherung zu übernehmen.
All das und noch mehr hörten wir
als Einleitung zu unseren diesjährigen Betriebsversammlungen von unserem
Vorstand Personal, Herrn Schrader.
Aus den genannten Punkten
folgert Herr Schrader, eine Umkehr könne nur gelingen, wenn jetzt
grundlegende Strukturreformen in zentralen Bereichen, wie der Arbeitsmarktordnung,
der Altersversorgung, dem Gesundheitswesen und dem Bildungssektor,
konsequent in Angriff genommen werden. Hier gelte es: Über viele Jahre
gebildete Verkrustungen aufzubrechen und Entscheidungen zu treffen, um die
Angebotsbedingungen der Wirtschaft nachhaltig zu verbessern und die im
Wirtschaftssystem bestehenden Antriebskräfte frei zu setzen."
Spätestens an dieser Stelle setzten
bei vielen regelmäßig die Medien
verfolgenden Kolleginnen und Kollegen jene berüchtigten Bauchschmerzen ein, die
angeblich nur durch einen enger geschnallten Gürtel kuriert werden
können.
Strukturreformen, konsequent in
Angriff genommene Arbeitsmarktordnung, wir die Arbeitshabenden",
mit Interessen zum Nachteil der Arbeitssuchenden". . .
Bei alldem rutschte die eine oder der
andere unmerklich tiefer in die ansonsten gut besetzten Stuhlreihen. Eine
erneute Aufrichtung soll da wohl nur durch die Freisetzung der im
Wirtschaftssystem bestehenden Antriebskräfte
möglich sein, doch sind eben diese
Antriebskräfte durch jahrelange Verkrustung
gefangen.
Hier stellte sich wieder einmal die
alte Frage ob Argumente durch Wiederholung wirklich wahr werden und wenn
ja, wann?
Ihre Wirkung haben
Wiederholungen allemal, denn leider glauben immer mehr Arbeitshabende" sowie
Arbeitssuchende" daran, durch ihre vielen
Ansprüche auf soziale Netze und andere teuere und überholte Leistungen, für
die wirtschaftliche Misere"
mitverantwortlich zu sein. Durch die Annahme,
ausgerechnet zwischen Arbeitshabenden und Arbeitssuchenden" bestünde
ein Interessenkonflikt, wird der Druck gegenüber beiden Gruppen, die Gürtel
enger zu schnallen, besonders deutlich.
Weniger verdienen, um den
Arbeitsplatz zu behalten und noch weniger um einen zu bekommen". . . bei noch
weniger" liegt der Interessengegensatz!
Wenn also beide nur auf ihre
unflexiblen und durch das moderne Wirtschaftswunder überholten Ansprüche
verzichten, ist der Gegensatz überwunden und dem Standortwachstum sind
keine Grenzen mehr gesetzt . . . wenn das alles bloß so einfach wäre.
Die Gewerkschaften (und für den
Einzelhandel ver.di) haben u.a. die Aufgabe, die gerechte Verteilung von
Arbeitsbedingungen, Zeit und Geld für uns ArbeitnehmerInnen, mindestens
jährlich zu verhandeln. Ob Gewerkschaftsmitglied oder nicht, keine Kollegin und
kein Kollege hat bisher die in ewig gleichen Ritualen erhandelten" Prozente,
Urlaubstage und weitere (noch bestehende) ver.diente Leistungen zurück
gewiesen.
Auch deshalb macht ver.di weiter.
Wir alle haben etwas davon: Kaufkraft, Wohlstand und sozialen Frieden!
Trotz alledem hieß es bei Otto auch
in diesem Jahr:
Es wird keine
betriebsbedingten Kündigungen geben." Das
finden alle Ottonen"
uneingeschränkt gut!
Mindestens drei Fragen bleiben
dennoch nicht geklärt:
-
Wenn Millionen von
Arbeitslosen und noch mehr Millionen von Arbeitnehmern Verzicht leisten
müssen, wer kauft morgen noch (und mit welchen Zuwachsraten) im
Einzelhandel und bei Otto ein?
-
Wenn Gewerkschaft angeblich
keine Verantwortung für Arbeitsplatzsicherung übernimmt, wieso
sind dann ArbeitnehmerInnen in Volkswirtschaften mit hohem
gewerkschaftlichen Organisationsgrad (z.B. noch in Deutschland) immer
noch deutlich besser vor Kündigungen geschützt und die
Arbeitslosenquote insgesamt niedriger?
-
Otto setzt seit seiner Gründung
unternehmerisch und sozial Eckpunkte und zwar innerhalb sowie
außerhalb unseres Unternehmens.
Läutet der
wirtschaftspolitische Ton, den Hr. Schrader anstimmte, eine andere Richtung ein?
Der nächste Bauchschmerz kommt
bestimmt, doch gibt es Möglichkeiten, damit es nicht ganz so weh tut, z.B.
Einigkeit und Recht und Freiheit - die eigentlichen Antriebskräfte von ver.di.
Es gibt noch viel zu ändern und
immer mehr zu bewahren, treiben wir´s an - gemeinsam!
Sinia Maricevic
|
|